Master and Commander – Band 1

Ich muss zugeben, ich habe die Lektüre von Master und Commander ein wenig unterschätzt. Mein Englisch ist nach Studium sicher ein wenig eingerostet, aber trotzdem ausreichend um es immer noch auch mit älterer Literatur aufzunehmen.

Aber bei Master und Commander war ich dann doch erstmal überfordert. Nicht nur dutzende nautische Begriffe, bei denen mir auch eine direkte Übersetzung nicht weiterhelfen. Patrick O’Brian ist Authentizität wichtig – darum nimmt er auch jeden Slangbegriff mit, den er mitnehmen kann. Aus verschiedenen Sprachen, denn die Seefahrt ist seit jeher ja eine recht internationale Angelegenheit. Und auch jedes einzelne Mitglied der Seemanschaft verorten zu können, fiel mir schwer.

Das führte dazu, dass ich den ersten Band der historischen Romanreihe in den ersten Lesewochen als etwas anstrengend empfand und das Buch öfter mal zur Seite legte.

Kleine Kostprobe gefällig?

‘Let fall,’ came the order, and with it the howling peep-peep, peep-peep from the bosun and his mates.

‘Sheet home. Sheet home. Hoist away. Cheerly there, in the foretop, look alive. T’garns’l sheets. Hands to the braces. Belay.’

A gentle push from above heeled the Sophie over, then another and another, each more delightfully urgent until it was one steady thrust; she was under way, and all along her side there sang a run of living water. Jack and his lieutenant exchanged a glance: it had not been bad – the foretopgallantsail had taken its time, because of a misunderstanding as to how newcomer should be defined and whether the six restored Sophies were to be considered in that injurious light, which had led to a furious, silent squabble on the yard; and the sheeting-home had been rather spasmodic; but it had not been disgraceful, and they would not have to support the derision of the other men-of-war in the harbour.

Als mir dämmerte, dass vieles von dem, was mir Kopfzerbrechen bereitete, noch durch die ebenfalls nautisch zunächst unbedarfte Figur des Stephen Marturin erklärt werden würde, war es fast schon zu spät – ich hatte wirklich das Gefühl, Vokabeln pauken zu müssen.

Zum Glück war dieser Gedanke aber Quatsch. Wenn Stephen Marturin die Sophie betritt bekommen wir dank Rundgang ein für den Genuss der Lektüre ausreichendes Tutorial in den Aufbau des Schiffes und einige grundlegende nautische Prinzipien.

Man kommt rein. Und dann öffneten sich mein Herz und Hirn für das, um was es wirklich in dem Roman geht: Die aufkeimende Freundschaft zum noch-nicht-ganz-Captain Jack Aubrey und seinem naturforscheraffinen Schiffsarzt Stephen Marturin. Und die Schönheit der Sprache, die Detailversessenheit mit der Patrick O’Brian die Reise der Beiden schildert. Denn auch das wird aus dem Beispiel oben deutlich – O’Brian nutzt auch Abseitz der Seefahrt einen wunderbar breiten Wortschatz. Begriffe wie „injurious“ oder „derision“ sind sicher nicht unter den Top 300 der meist verwendeten englischen Vokabeln.

Bei all der Versesseneheit auf historische Akuratesse und nautischem Realismus – da steckt vor allem viel Romantik zwischen den Buchdeckeln. Also im klassischen Sinne. Große Demut vor der Natur, ihrer Schönheit, ihrer Kraft. Man taucht ein in die sonnigen Abende Menorcas, ahnt die gewaltigen Kräfte des Ozean allein durch die Beschreibungen der Geräusche, die Holz macht, wenn es unter Druck gerät.

Ein großes Glück also, dass es irgendwann Klick gemacht hat, Lesegeschwindigkeit wie -vegnügen nahmen zu. Und so freute es mich ungemein, dass ich Master and Commander immerhin am Meer, an der dänischen Küste, beenden konnte. Nicht ganz die Ecke, die Aubrey und Maturin bereisten, aber das war trotzdem toll.

Band 2, Post Captain, liegt schon auf meinem Lesestapel.

Dieser Beitrag ist Teil einer Artikelserie

Master and Commander

Ich habe mir vorgenommen, die Master und Commander Serie von Patrick O’Brian zu lesen.

  1. Takelage einer Brigg

    Ich möchte historische Segelschiffe romantisieren

  2. Master and Commander – Band 1

    Zugegeben, ich habe die Lektüre ein wenig unterschätzt.

Kommentare

  1. Ouuuuh … lustig. Ich hab die Bände ja auf Deutsch gelesen, haber aber bei der Passage oben vermutlich auch genauso wenig verstanden, denn … genau … was in der Szene passiert erschliesst sich auch wenn man die nautischen Fachausdrücke nicht drauf hat. Und … vielleicht irgendwie weil diese komplexe Sprache auch die komplexe Situation an Bord widerspiegelt, erfüllt die Prosa eine Lebendigkeit, die wirklich fast einmalig ist. Ich weiss noch, wie gestern, wie ich den ersten Band lass und mit wirklich praktisch wie an Bord versetzte fühlt. Es fehlte nicht viel und ich hätte geschworen, den leisen Gesang der Bugwelle und das Knarren des Schiffes zu hören, das Rollen und den Wind zu spüren. Hach, wie schön, dass sich das auch auf Englisch bei Dir einstellt …

    1. Ja, im Nachhinein bin ich mir nicht sicher, was ich empfehlen würde – ich glaube auf Deutsch wäre mir der Zugang in diesem Fall echt ein wenig leichter gefallen. Aber jetzt habe ich mich durchgekämpft und dann werde ich jetzt auch den Rest auf Englisch lesen, denke ich.

  2. Kleiner Tipp, von dem ich selber gewünscht hätte, ich hätte ihn eher erfahren: Google mal nach Geoff Hunt. Der hat viele Gemälde / Bilder aus dem Kontext (und ich glaube sogar, explizit für die Romane) gemalt und ich finde, seine Bilder sind eine höchst wuuundervolle Begleitung der Romane.

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