
1998 ging ich mit ein paar Freunden in Frankfurt am Main ins Kino. Ich war 17 Jahre alt und ich glaube, es war das erste Mal, dass ich im Kino einen Film im Original mit Untertitel sah. Es lief Saving Private Ryan. Und ich fand es aus unterschiedlichen Gründen sehr beeindruckend – nicht zuletzt, weil wir relativ weit vorne saßen.
Die berühmten ersten 20 Minuten des Films mit der schier überwältigenden Landung der Alliierten am Strand der Normandy haben sich intensiv auf die Netzhaut und ins Gehirn gebrannt. Neben den Explosionen, fliegenden Körperteilen, der schieren Unfassbarkeit des Gezeigten und der gewaltigen Soundkulisse war es aber auch die unsynchronisierte Tonspur, die mich sehr beeindruckte.
Als ich aus dem Kino kam, war ich komplett fertig. Es fühlte sich an als hätte ich viele Stunden am Stück intensiv gearbeitet.
Enter The Pitt. Eine Krankenhausserie, die in einem fiktiven Emergency Room in Pittsburgh spielt. Die Besonderheit: Die Serie spielt quasi in Echtzeit – so ein bisschen wie bei 24. Staffel 1 hat 15 Folgen, darin erlebt man also eine komplette Tagesschicht (plus Überstunden) der Krankenhauscrew.
Menschen, die in Krankenhäusern arbeiten, haben die Serie wegen ihrer Authentizität und ihres hohen Grads an Realismus gelobt. Ich kann das nicht einschätzen. Bei Star Trek gibt es ja das Phänomen des Technobabble, also wenn für uns unerklärliche, unrealistische oder futuristische Vorgänge durch technologisches Namedropping gerahmt und erklärt werden sollen, die vermeintlich auf einer wissenschaftlichen Grundlage fußen könnten.
The Pitt kann sich nicht auf Science Fiction oder Magie ausweichen, der medizinische Technobabble muss authentisch sein, man kann sich da nicht einfach was ausdenken. Die Ärzt.innen schmeißen mit Fachausdrücken und Abkürzungen um sich, das man ohne medizinischen Hintergrund mehr ahnt als versteht, was da vor sich geht. Medicbabble galore!
Die Kamera schwenkt von Fall zu Fall, folgt Oberarzt Robinavitch durch die Krankenzimmer, eine Intubation hier, ein Luftröhrenschnitt da – ah Moment, lass mich den Wirbel wieder einrenken, aber erst muss ich hier noch kurz ein Herz wieder in einen lebensfähigen Takt schocken.
Praktischerweise fangen an diesem Krankenhaustag auch mehrere Nachwuchsmediziner an, die sehr schnell in diesem Setting klarkommen müssen. Und so schafft es die Serie doch nach und nach Erklärhäppchen einzuwerfen, ohne an Authentizität und Tempo einzubüßen.
Nach und nach fügt sich so ein heftiges Bild zusammen: Von den medizinischen Prioritäten, der Hierarchie unter den Ärzt:innen und Krankenpfleger:innen, den unterschiedlichen Charakteren und psychischen Belastungen dieser Umgebung. Man spürt den Stress, den Personalmangel und administrativer Druck mit sich bringen und fragt sich, wie man einer solchen Aufgabe eigentlich ansatzweise gerecht werden kann, wenn man gleichzeitig auch noch die Patient Satisfaction Scores nach oben treiben soll, während dringend das nächste Bett freiwerden muss und im Wartezimmer eine Schlägerei beginnt.
Selbst wenn ich nur auf der Couch sitze und mir das ansehe (oder gerade wegsehe, weil mal wieder ein Körper aufgeschnitten wird) empfinde ich Stress – so wie damals bei Saving Private Ryan.
Ein System am Limit.
