All Passion Spent

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All Passion Spent von Vinta Sackville-West hat mich überrascht. Ich hatte Lust, mal wieder ein wenig klassische englische Literatur zu lesen. Ich glaube, ich bekam die Empfehlung irgendwo auf YouTube of all places. Und da der Roman auf nur schlanke 170 Seiten kommt, dachte ich mir, das könnte was werden. Außerdem versprach die Lektüre, sich sowohl inhaltlich als auch beim Zeitaufwand von Stephen Kings 1.400 Seitenklopper The Stand stark zu unterscheiden, durch das ich mich in den letzten Monaten gekämpft hatte.

Der 1931 veröffentlichte Roman erzählt die Geschichte von Lady Slane, die mit 88 Jahren Witwe wird. Ihr Leben lang stand sie als aufopferungsvolle Gattin im Schatten von Lord Slane, einem großen Staatsmann des British Empires. Nach seinem Tod denkt Lady Slane allerdings nicht daran, weiter gesellschaftlichen Normen und Erwartungen ihrer Familie zu entsprechen und nimmt ihr Leben selbst in die Hand. Sie zieht in ein kleines Haus und beginnt ihr Leben, ihre Erinnerungen und ihre nie gelebten Möglichkeiten zu erkunden.

Ich mochte die überraschend modernen Diskurse in All Passion Spent. Sackville-West greift einen feministischen Strang auf, der u.a. durch den wichtigen Essay „A Room of One’s Own“ von Virginia Woolf zwei Jahre zuvor angelegt wurde. Ihre Charaktere hinterfragen die scheinbar unumstößlichen Prinzipien des Survival of the Fittest, des Wettbewerbs, der Ellenbogen. Man kann sich in diesen Zwängen verlieren – insbesondere im mittleren Alten. In den Buchdeckeln des Lebens – in der Jugend oder im hohen Alter – haben wir die Fähigkeit andere Perspektiven einzunehmen, weil wir den gesellschaftlichen Zwängen und Normen nicht im gleichen Maße ausgeliefert sind.
Ein facettenreiches Plädoyer für mehr „touching grass“, wie die Gen Z sagen würde.

Aber am meisten habe ich erstens die Sprache gemocht, jede einzelne Seite war ein Genuss. Modern genug, um in einen guten Lesefluss zu kommen. Mit einer Sprache, die mir manchmal so gut gefiel, dass ich sie laut lesen musste. Und zweitens waren die Beschreibungen der Familienmitglieder und Freunde von Lady Slane und ihrer Eigentümlichkeiten auch heute noch sehr komisch. Das hat mich zuweilen auf eine sehr harmlose Art an Succession erinnert. Selten 170 Seiten gelesen, die mich so positiv überrascht haben.

Kommentare

  1. Ah geil. Das scheint zumindest für mich etwas anzuknüpfen an „Statusangst“ von Alain de Botton, der darin unter anderem beschreibt, wie der Sozialdarwinismus auch und gerade in den gehobenen Schichten des 19ten und frühen 20ten Jahrhunderts zur Pseudoreligion wurde. Sehr schöne Lektüre.

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