Analog ist schlechter

„Woman reading a newspaper“ by Hanna Pauli

Ich schiebe es gerne auf die Tatsache, dass ich Linkshänder bin, dass ich von Beginn an ein unterkühltes Verhältnis zu handschriftlichen Dingen hatte.

Schon in der Schulzeit – als es noch nicht mal Mobiltelefone, geschweige denn Smartphones gab und Laptops noch sehr klobige und schwere Geräte waren – wünschte ich mir nichts sehnlicher als eine Welt, in der ich alles digital machen konnte.

In der Klasse gab es eine Phase, da saßen wir mit aus heutiger Sicht furchtbar umständlichen Casio-Datenbanken, in die wir unsere Hausaufgaben eintrugen. Und vielleicht noch den einen Termin, den man damals im Monat hatte. Völlig absurd und umständlich, wenn ich darüber nachdenke. Aber damals setzte sich in mir der Gedanke fest, dass es doch eigentlich in gar nicht allzu ferne Zukunft möglich sein müsste – Arbeit, Orga, Lernen, Hausaufgaben überwiegend digital abzuwickeln.

Etwa ein Jahrzehnt später – im Studium – war es dann soweit. Laptops im Hörsaal verbreiteten sich zusehend, WLAN frei überall auf dem Campus, das Smartphone erblickte das Licht der Welt. Und für mich war klar: Digital ist besser, nie wieder möchte ich kritzelige und selbst für mich zuweilen unlesbare Notizen aufschreiben müssen. Nichts würde mehr verloren gehen. Alles synchronisiert sich auf meine Endgeräte, erst auf dem Schreibtisch, dann in der Hosentasche, schließlich am Handgelenk. Das Digitale ist immer dabei, hört zu, sobald ich eine Idee habe, kann sie direkt eingeben, oder sogar reindiktieren.

I went all in. Es war schnell, es war praktisch, es gab digital-exklusive Features wie Push-Benachrichtigungen. Und ich war mir sehr sicher, dass ich diese beherzten Umarmung mit den Bildschirmen auch nie in Frage stellen würde.

Manchmal habe ich die Apps gewechselt, den Workflow, aber fast 20 Jahre lang wäre ich nicht auf die Idee gekommen, dass diese „digital first“ Haltung zu hinterfragen oder zumindest mal in Ruhe auszuloten sei.

Seit ein paar Jahren beschäftigt mich diese Frage aber doch. Ich glaube, das hat ein wenig mit dem Alter zu tun. Aber hauptsächlich mit der Tatsache, dass ich merke, wie schwer es mir fällt, das Smartphone mal zu Hause zu lassen. Oder wie schnell ich den Impuls habe, es aus der Hosentasche zu ziehen, wenn ich mal ganze unerträgliche 30 Sekunden auf irgendwas warten muss.

In den letzten Monaten habe ich daher angefangen, ein paar Experimente zu machen. In Notizbücher zu schreiben. Immer etwas zum Aufschreiben dabei zu haben. Das Handy mal bewusst wegzulegen, Push-Benachrichtigungen noch mehr einzugrenzen.

Ich bin noch mitten in der Ausprobiererei und da dachte mir, das kann ich ja auch hier aufschreiben. Spontan fallen mir diese Bereiche ein, die ich in den nächsten Wochen einmal abklopfen möchte:

  • Todos und Kalender
  • Tracking und Journaling
  • Die digitalen Götzen stürzen
  • Uhrzeit und Notifications
  • Bücher und Lesen
  • Evergreen Notes
  • Rollenspiele

Und damit kein falscher Eindruck entsteht: es geht mir nicht darum, aus Prinzip auf die digitale Sphäre verzichten. Mal abgesehen davon, dass das an vielen Stelle nicht realistisch wäre oder nicht zu meinem Leben passen würde, bietet sie viele Vorzüge, die ich nicht missen möchte.

Konstantin hat letztens ein paar Tage ohne Smartphone verbracht und atmet an der Pause einigermaßen erleichtert wieder auf. In seinem Fazit stehen zwei schöne Sätze, in denen mir irgendwo der Sweetspot verborgen zu sein scheint, für den ich auf die Suche gehen möchte.

Ein gutes Gefühl, dass ich erreichbar bin, wenn ein Notfall passiert.
Ein Gutes Gefühl, dass ich das Handy nicht nehmen muss, wenn alles gut ist.

Kein radikaler Verzicht aufs Digitale. Aber der Versuch, sich bewusster Räume zu schaffen, die auch analog funktionieren. Die vielleicht gerade dann besser funktionieren, weil das Analoge unpraktischer, langsamer und schlechter ist.

Kommentare

  1. Ja also im Rollenspielkontext finde ich es auch mega-verlockend, wieder mehr auf Papier zu machen. Gerade Hoshis und Angies Methode „Charakterbögen“ zu bauen, bietet auch echt gute Schnittstellen zu einem „Immer-zur-Hand“-Modus von Papier.
    Wobei Obsidian ja auch toootal großartig ist, hach!
    So oder so: Ich bin sehr gespannt!

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