Ausbruch aus dem goldenen Käfig

Jane Vivian, ‚St Mark and the Doge’s Palace from across the water‘

In meiner langlebigen Zeit als Studi – zur Zeit des Web 2.0 – habe ich Linux genutzt. Windows hat mich noch nie fasziniert, für Macs hatte ich kein Geld. Also habe ich angefangen, den Pinguin zu installieren. Erst mit Ubuntu, später mit Arch. Habe mich mit vielen Kompromissen abgefunden, aber auch viel gelernt. Das funktionierte für einige Jahre trotzdem richtig gut für mich. Alles, was ich machen wollte, bekam ich auch irgendwie hin.

Nach dem Studium kam der Berufseinstieg. Ein okayes Einkommen. Weniger Zeit. Schon immer wollte ich auch mal einen schönen Mac haben. Das iPhone machte jedes Jahr noch riesige Sprünge. Die Tür zum goldenen Käfig, sie öffnete sich so geschmeidig. Es dauerte nicht lange, da ließ ich meine Arch-Installation (by the way) hinter mir und war komplett im Apple-Ökosystem unterwegs.

Das Leben mit Apple ist ein sorgenfreies – wenn man bereit ist, vergleichsweise viel Geld für zumeist auch ziemlich wertige Hardware auszugeben. Software wird seit einigen Jahren eher abonniert als gekauft. Und es läuft. So gut, das im Laufe der rund letzten 15 Jahre die ganze Familie mit in den goldenen Käfig geschlüpft ist. Familiencloud, Kalender, Mails, Fernseher, Kopfhörer, Computer, Smartphones, Tablets, Uhr, Bildschirmzeit, Auto wiederfinden, Schlüsselbund tracken … Apple macht’s, Apple regelt.

This world is too beautiful for me

Ich habe eigentlich nie den Kauf eines Apple-Produkts bereut. War hinterher meist sehr zufrieden. Warum also der Umstieg? Okay, zum einen bin ich einfach ein wenig von Apple gelangweilt. Das hängt zum einen damit zusammen, dass so gut wie alles einfach funktioniert. Seit Jahren auf die gleiche Weise. Die großen Sprünge in der Hardware-Innovation sind vorbei. Die Software dümpelt vor sich hin – die Userbase ist auch schlicht zu groß, um hier das Rad neu zu erfinden.

Und wenn man dann selbst ein wenig Abwechslung mit reinbringen möchte, wird es zunehmend anstrengend: Ich hatte zum Beispiel mal Lust, einen Tiling Window Manager auszuprobieren, weil ich das damals in meinen Arch-Zeiten ganz nett fand. Geht auch theoretisch auf MacOS, aber die Auswahl ist ziemlich begrenzt und ich bin sehr schnell an die Gitterstäbe des goldenen Käfigs gestoßen.

Das ist aber ein Scheinproblem. Es gibt Schlimmeres als Software und Hardware, die macht, was sie soll und in den Hintergrund tritt, weil sie nicht stört. Nicht jeder wünscht sich ab und zu ein Problem, das es zu lösen gibt. That’s more of a me thing.

Richard Parkes Bonington – The Doge’s Palace, Venice

Digitale Souveränität

Dann wäre da noch der politische Aspekt des goldenen Käfigs. Hier liegt die eigentliche Sprengkraft und die hängt weniger mit den Produkten und Betriebssystemen zusammen als mit dem neuen Stichwort „Digitale Souveränität“, das nun überall zu lesen ist. In anderen Worten: Einfach wieder etwas mehr Kontrolle in die eigenen digitalen Daten und Prozesse zu bringen.

Man muss sich keinen Aluhut aufsetzen, um zu sehen, dass es weltpolitisch und gesellschaftlich tausend gute Gründe gibt, etwas unabhängiger von Konzernen zu werden. Die gab es schon immer, aber sie schlagen aktuell mit einer Rasanz und Macht und Heftigkeit durch, dass sie sich einfach nicht mehr ignorieren lassen: Trump, der Aufstieg der Rechten, Europas technologische Abhängigkeit von den USA und/oder China, Social Media am Limit, Algorithmen der Aufmerksamkeitsökonomie, Games die mit Glückspielelementen angereichert sind, KI Slop und, und, und…

Mir geht es hier nicht um den „alles oder nichts“-Ansatz. Ich glaube, komplette digitale Unabhängigkeit ist kaum zu erreichen. Aber möchte ich wirklich jemand sein, der für den Komfort, dass die Kopfhörer sich etwa drei Sekunden schneller mit dem Smartphone verbinden, gar nicht mehr hinterfragt, dass auch alle Mails über das gleiche Unternehmen laufen? Das muss nicht sein.

Joseph-Maria Charlemagne-Baudet, the winter Palace (North facade) in St. Petersburg in the 19th century

Wie lautet also der Plan?

Umzug meiner Domains und Mails auf eine Managed Hosting Paket.

Mails oder andere kritische Infrastruktur komplett selbst zu hosten, ist mir zu heikel und ich habe dafür auch nicht die nötigen Skills. Aber Managed Hosting, das bekomme ich hin. Die Daten sind nicht Teil des Geschäftsmodells. Und wenn mir der Hoster nicht (mehr) passt, kann man umziehen zu einem anderen Anbieter. Ist nervig, aber machbar. Bin mit diesem Blog und limitofcontrol.de von fzz umgezogen, weil der bisherige Hoster zunehmend kundenunfreundliche Konditionen bietet.

Raus aus dem iCloud Drive

Statt iCloud Drive zu nutzen, wechsle ich mit meinen Dateien auf eine managed Nextcloud-Instanz. Hier kann ich auch (besser als befürchtet) meine Fotos hochladen.

Kalender und Kontakte

Kann ich entweder über die gehosteten Mails oder die Nextcloud-Instanz lösen.

Umstieg auf Linux als bevorzugtes OS

Damit gehen einige Workflows und Software einher, die ich umstellen muss. Ein erster Schritt ist bereits gemacht. Seit ein paar Tagen steht ein klassischer Desktop-Rechner hier, den ich wie damals mit Arch (by the way) bespielen werde. Spannend wird insbesondere, wie ich in Zukunft mit Fotos umgehe, da werde ich der Apple-Welt schon ein wenig hinterhertrauern.

Was ist mit der Familie?

Ich habe meine Familie in den Käfig gepusht, ich werde die Käfigtür offen lassen und die Hand ausgestreckt lassen. Pragmatismus ist angesagt, allein weil es Jahre dauern wird bis der gesamte Hardwarepark der Familie ausgetauscht wäre. Und ich möchte ja auch nicht vorgeben, welche Geräte hier benutzt werden. Ich kann gut verstehen, wenn man weiter Apple-Produkte nutzen möchte. Aber bei den Services und Prozessen werde ich für mehr Dezentralität werben.

Back to Paper

Ein Teil des Ausbruchs streift die Frage, wie einnehmend die digitale Sphäre überhaupt sein sollte. Ich war in der ersten Lebenshälfte klar im Team „digital first“. Spätestens seit ich die 40 überschritten habe, merke ich, dass ich es auch mal schätze, gar keine Bildschirme/Gadgets um mich herum zu haben. Öfter mal Gras berühren oder von der Sonne geküsst werden und so. Und gerade zum Nachdenken freunde ich mich in letzter Zeit mehr und mehr damit an, einfach mal mit Stift und Papier handschriftlich irgendwas festzuhalten. Wie so ein Barbar, völlig verrückt! Nunja, davon wird hier noch zu lesen sein.


Der Ausbruch kann also beginnen, ich bin gespannt, wo er mich hinführt. Ich halte euch auf dem Laufenden.

Kommentare

  1. Viel zu viele Themen für einen Kommentar! Das mit dem Papier habe ich letzten Sommerurlaub auch gemerkt. Wenn ich ein gutes Ringbuch habe, brauche ich in der Freizeit praktisch keine digitalen Geräte mehr. Unfassbar, was das mit einem macht. Doof nur, dass Obisidian so geil ist …

    Auf Linux bin ich voll neugierig, aber da hast Du ja schon mehr geschrieben, während ich noch diesen Artikel zuende gelesen habe! Da steht hier in den kommenden Jahren auch ein Wechsel an, vor dem ich aber kaum Angst habe. Ich hab ja schon vor 15 Jahren angefangen, nach der Regel aus Heat digital aufzustellen: „… you don’t put anything in your life you can’t walk out on in 30 seconds flat if you spot heat around the corner.“.

    1. Interesting, interesting … bin sehr neugierig, welcher Wechsel das ist, der da bei dir ansteht.
      Und was Linux angeht: Es fühlt sich richtig gut an, ein OS zu fahren, das – nunja – sich nicht wie ein Produkt anfühlt. Und ich kann vieles konfigurieren, dass es zu mir passt. Zum Beispiel: Obsidian öffnet sich bei jedem Hochfahren auf einem bestimmten Workspace und ich kann mit einer Tastenkombination direkt hinwechseln. Sowas ist halt total nett. Und wenn man – anders als ich – mehr Ahnung vom Programmieren hat, stelle ich es mir noch besser vor. Die andere Seite der Medaille ist halt, dass man Dinge kaputt machen kann und natürlich doch hier und da in Probleme oder eher Unbequemlichkeiten läuft, die man bei kommerziellen Anbietern nicht hat.

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